Leben als Expatriat (2)

Veröffentlicht: September 26, 2010 in Ignorance / Ignoranz

Muyenga 800 US$ p.m.

Man kann in Uganda eigentlich ganz gut leben, falls man es schafft, irgendwie mit seinem Gewissen ins Reine zu kommen. Das heisst, mann muss die Augen vor Korruption an jeder Ecke zudruecken.

„Entwicklungsdienste seien hier nicht zur Korruptionsbekaempfung“ (O-Ton einer Fuehrungskraft einer deutschen EZ Organisation) – und falls man dann doch als kleiner Mitarbeiter den Fehler macht, und daran etwas aendern moechte, ist man seinen Job innerhalb von wenigen Wochen los.

Alternativ kann man sich dann von einer der globalen Organisation einstellen lassen, die hier fuer Business, also Gewinn da sind; aber selbst, wenn man da hoellisch aufpasst, und sich von einer Organisation einstellen laesst, die sich auf die Fahnen schreibt, alles gegen Korruption zu unternehmen, hat das lange noch nichts zu sagen. Es gibt hier Geldwaescheringe, individuelle Bereicherung, Misswirtschaft, Bestechung – die gesamte Palette, was man sich nur irgendwie vorstellen kann – und selbst eine globale Organisation mit weit ueber zehntausenden Arbeitnehmern weltweit, trotz bester Vorsaetze, scheint diesem Spiele irgendwie machtlos gegenueber zu stehen.

Aber wie gesagt, falls man es schafft, vor diesem korrupten Hintergrund die Augen zuzudruecken und einfach nur seinen eigenen Job macht, oder vielleicht sogar mitmacht (?), dann kann man hier in Uganda eigentlich wirklich gut leben! Schoenes Haus, Hauspersonal, tolle Ausfluege, super Wetter, interessante Freunde…

Kansanga 1,000 US$

Am 7. Januar hatte ich einen Artikel ueber das Leben als Expatriat geschrieben und mich gewundert, warum manche Kollegen unsere Bezahlung hier „Schmerzensgeld“ nennen; zu diesem Zeitpunkt war ich aber nur sieben Monate in Uganda und noch ganz schoen blauaeugig. Man wird sehr gut bezahlt, weil man hier sein Gewissen verliert!

Ich verstehe jetzt auch, warum Expatvertraege immer nur fuer 2 Jahre abgeschlossen werden, und warum man sich nicht in der eigenen Firma beispielsweise zum Landesdirektor entwickeln kann, zumindest nicht im selben Land; denn wer hier 2 Jahre durchhaelt und nicht das letzte halbe Jahr die Tage zaehlt, wenn der Spuk endlich wieder vorbei ist, ist i.d.R. bereits mittendrin und hat sich irgendwie eingerichtet.

Ich spreche nicht von der Korruption der kleinen Beamten, wie Polizisten. Darueber bin ich schon lange hinweg. Anfangs war ich diesen Situationen recht haeufig ausgesetzt, aber je laenger man hier lebt, ich weiss nicht warum, vielleicht entwickelt man eine andere Koerperhaltung, oder es ist die Art des Umgangs mit Ugandern – es ist inzwischen wirklich lange her, dass irgendein kleiner Beamter versucht hat, mich um mein Geld zu bringen. Das letzte mal als ich von der Polizei angehalten wurde, habe ich mich aus dem Fenster gelehnt, der Polizisten einen schoenen guten Tag gewuescht, meine Fahrerlaubnis vorgezeigt und durfte mit besten Wuenschen weiterfahren. In den ersten Monaten haette die Frau sicherlich versucht, mir irgendeinen Strafzettel aufzudruecken und dann haetten wir es „unter uns“ geloest, also mit einem Schmiergeld. Ich weiss nicht wirklich, was ich jetzt anders mache; ob das die Kleidung ist, die inzwischen doch sehr ugandisch angepasst ist, oder mein (inzwischen) ugandischer Fuehrerschein, welcher so seine 10 Monate gebraucht hat. Keine Ahnung.

Die Korruption, von der ich hier spreche, ist wirkliche Korruption, Korruption die den gesamten Kontinent Afrika erfasst mit weltweiten Verwicklungen. Nicht die Selbstbereicherung kleiner Beamter oder Politiker in Uganda, nein, die grossen Dinge, auf politischer Ebene, und vor allem aber international. Irgendwelche Grossauftraege, die gegen einen persoenlichen Bonus schnell mal ruebergeschoben werden. Oder Geld, welches hier in Uganda bei einer Firma auf dem Konto ankommt, und dann in kleineren Betraegen an 10 andere Laender weitergeschickt wird. Uganda ist ein Land der ungezaehlten Moeglichkeiten und man kann hier sehr, sehr reich werden – schnell!

Muyenga 1,000 US$

Wer denkt, Korruption waere nur hin und wieder ein Einzelfall, denkt falsch. Ich allein bin in der kurzen Zeit, seit ich hier bin, an unzaehligen Korruptionsfaellen vorbeigekommen – und keine Firma scheint da wirklich ’sauber‘ zu sein; es sind internationale Ringe mit irren Verflechtungen, denen man als Einzelsterblicher mit nur wenigen Monaten Erfahrung im Land voellig machtlos und unwissend gegenueber steht. Seitens der Zentralen, seien diese in Deutschland oder Amerika wird nicht viel unternommen. Ab und zu kommt mal ein Auditorenteam vorbei, und schaut sich die Sache mal so zwei Wochen lang an, wohnt im Serena, hoechste Sicherheitsstufe, und faehrt dann wieder ab. Berichte sind geheim, Konsequenzen gibt es keine. Alle scheinen irgendwie bescheid zu wissen, und sogar manch einer da mit drinzustecken – oder fuehlen sich die Leute mitverantwortlich, weil sie nichts gesagt haben, und bippern um ihre Jobs? Immerhin geht es ja um wirklich gutbezahlte Arbeitsplaetze, und ein bequemes Leben, an welches man sich inzwischen gewoeht hat. Es wird vertuscht, vertuscht, vertuscht und vertuscht. Unglaublich!

Ich weiss nicht, was man da machen kann. Wahrscheinlich gibt es nur die beiden Optionen: Mitmachen oder nach Hause abreisen.

Wie gut sind denn die Arbeitsplaetze hier bezahlt?
Ich kenne nicht viele Expats, die unter 3.500 US$ Netto monatlich haben, aber das sind die geringen Gehaelter. Dazu kommen oftmals das Haus (welches von der Firma bezahlt wird), ein Firmenfahrzeug und selbstverstaendlich Schulgeld fuer die Kinder. Der „einfache“, kinderlose Expathaushalt lebt von ungefaehr 5.000 US$ im Monat, wobei man als Lebenshaltungskosten selten mehr als 1.500 US$ verbraucht, was einen netten Sparbetrag uebriglaesst.

Es ist nicht unbekannt, dass es viele Expats gibt, die so nach 10 Jahren Ausland, in ihre Heimat zurueckkehren und sich dann locker Cash ein Haus kaufen.

Mengo 700 US$

Falls man in einem Business arbeitet, gibt es dann noch Bonuszahlungen, d.h. man ist am Gewinn mitbeteiligt. Falls man so weit oben angesiedelt ist, dass die Korruptionsringe an einem nicht wirklich vorbeikoennen, dann ist man auch an deren Geldausschuettungen mitbeteiligt, ob man will oder nicht. Mit jeder Unterschrift, jedem Bericht, steht man permanent im Konflikt, etwas reinzuschreiben, was einem aufgefallen ist, oder wegzulassen. Die Tendenz ist natuerlich Weglassen, und damit ist man dann mitbeteiligt, automatisch. Als Finanzer unterschreibt man Checks und macht die Buchhaltung; und sobald da mal was Fragwuerdiges dabei ist… Was macht man in so einer Situation? Man unterschreibt und ist dann erpressbar und mitverantwortlich? Man unterschreibt nicht und ist seinen Job los? Ich habe wirklich nicht gerade den einfachsten Job in einem Land wie Uganda. Laesst sich hier ueberhaupt eine Firma finden, die Korruptionsbekaempfung ernst nimmt und ‚sauber’ ist?

Ich wollte eigentlich ueber „Wohnen in Uganda“ schreiben – daher die vielen Bilder mit den schoenen Haeusern, die man hier so mieten kann. Irgendwie bin ich aber vom Thema abgekommen und nun ist es ein Artikel ueber Korruption geworden.

Seit 18 Monaten lebe ich nun in Uganda, und es war ganz sicher eine hochinteressante Erfahrung. Ich habe Dinge kennengelernt, die man sonst nur in Zeitungen liest, oder mal in den Nachrichten hoert. Was ich jedoch nicht wusste, ist, dass grosse, renommierte, internationale Firmen alle Augen vor Korruption zudruecken; sie dafuer sogar geringe Gewinnmargen, wenn nicht sogar Verluste hinnehmen. Es sind i.d.R. kaum oder nur unzureichende Kontrollmechanismen seitens der Zentralen eingerichtet und vorhanden und es macht auch den Eindruck, dass da nicht viel dagegen gemacht wird. Einer grossen, in ihrer Branche weltfuehrenden, Firmen ist im Januar 2009 eine Strafzahlung von 7,5 Mio EUR aufgedrueckt worden von einer englischen Aufsichtsbehoerde fuer mangelhafte Kontrollmechanismen und Zulassen von Korruption in 14 Laendern (Uganda war da nicht mit dabei im Januar 2009 in dem Urteil). Die Firma hat prompt bezahlt und sich damit 30% der Strafgeldzahlung ‚aufgrund vorzeitiger Zahlung‘ gespart. Der Korruptionsring hat es geschafft, das Management der ‚zweifelhaften‘ Zahlungsvorgaenge, die zu diesem Urteil fuehrten, nach Uganda zu verlagern. Die Strafzahlung hat nichts bewirkt (vielleicht sind 7,5 Mio EUR fuer diese Firma nur ‚Pocketmoney‘?). Kontrollmechanismen gibt es, nach 20 Monaten, immer noch keine – und anstatt der 14 Laender, welche von Ghana aus ‚regiert‘ wurden, sind es jetzt ?? Laender, die von Uganda aus angeleitet werden.

Das grosse Geld kommt aus dem Ausland, es sind ganz sicher keine ugandischen Steuereinnahmen, oder irgendwelche Gewinne aus Oel (die erst in 10 Jahren erwartet werden) oder eigene Produktions- oder Exportgewinne – es sind die internationalen Donororganisationen und globalen Firmen mit ihrer mangelhaften bis zu non-existenten Kontrolle, die man fuer die Korruption hier verantwortlich machen muss, denn ohne deren passiven Ausharren, Aussitzen und irre langen wie undurchsichtigen Verwaltungswegen waere Korruption eigentlich nicht moeglich…

P.S. In dem oben geschilderten Fall scheint uebrigens in dem ganzen Geflecht kein einziger Ugander beteiligt zu sein (!!) – federfuehrend sind m.E. zwei Expats, sowie Bueros in Suedafrika und Nigeria. Warum die Mutterorganisation die beiden Expats weitermachen laesst und nicht einfach absetzt, ist mir total unklar. Einen Gewinn fuer die Organisation selbst kann ich nicht erkennen, umgekehrt, falls die Sache auffliegt, wird es ganz boese Schlagzeilen geben, wahrscheinlich eine eben groessere Strafzahlung und der Boersenwert des Unternehmens koennte fallen, wenn es oeffentlich wird, dass die Firma ihre Bueros in Afrika nicht im Griff hat. Eine Erklaerung, die ich gehoert habe, Afrika’s Gewinne seien insignifikant und daher eines grossen Aufwandes nicht wert. Meiner Ansicht nach koennte jedoch dieses Buero hier in Uganda (und wahrscheinlich so einige andere Bueros in Afrika), seinen Umsatz innerhalb nur eines Jahres verfuenffachen und die Gewinnmarge von derzeit 10% auf ueber 30% erhoehen, falls Kontrollmechanismen die Missbewirtschaftung und Korruption stoppen wuerden – und dann waere der Gewinn nicht mehr ‚insignificant‘! Aber vielleicht denke ich falsch?

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Kommentare
  1. JuBo sagt:

    …interessanter Eintrag. Allein das Sie einen Blog haben u. darin mit offenem Blick (ohne Zeigefinger) schreiben, ist schon ein guter Anfang! Machen Sie weiter – viel Erfolg u. alles Gute!

    • bellusci sagt:

      Liebe JuBo, Danke fuer die aufmunternden Worte. Leider wird jedoch ein kritischer Mind und Ehrlichkeit (noch?) nicht genug geschaetzt, weder hier noch in den Ausgangslaendern. Ich bin inzwischen meinen zweiten, sehr gut bezahlten Job los – beide male gab es keine Unterstuetzung durch die Zentralen.
      Beim letzten Job – so die Aussage der europaeischen Auditoren – wuerden nur 10% der fragwuerdigen Vorgaenge ausreichen, um in einem europaeischen Land die gesamte Geschaeftsfuehrung auszuwechseln – aber anstelle dieser wirklich notwendigen Konsequenz, hat man dann doch lieber alles beim Alten gelassen – und ich bin wieder auf Jobsuche. Das ist dann die persoenliche Konsequenz, wenn man sich als Finanzer weigert fragwuerdige Zahlungen zu authorisieren.

      • Peter Misterek sagt:

        Lieber Bellusci, als seit 11 Jahren in den Vereinigten Arabischen Emiraten lebender Expat kann ich Ihre Wahrnehmungen nur allzugut nachvollziehen. Allerdings denke ich mal, dass die von Ihnen beschriebenen Denkweisen der Auditors, bei uns noch extremer weltfremd sind als bei Ihnen. Wir kaempfen hier neben dem ueblichen ‚under the table‘ noch mehr gegen die ‚Vetternwirtschaft‘ des ueberwiegend indische gepraegten Geschaetsalltags. Meine Geschaeftsreisen fuehren mich von hier in Laender wie China, Sued Sudan, Algerien, Libyen for dem Wechsel, etc. und demnaechst auch nach Uganda. Aber ich habe nirgendwo ein egoistisches Volk angetroffen, wie es die Inder sind.
        Vielleicht sieht man sich ja mal in Kampala,, beste Gruesse aus Dubai

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