Entwicklungshilfe oder Neokolonialismus?

Veröffentlicht: August 11, 2010 in Development / Entwicklung

Darf man das Wort Neokolonialismus im Zusammenhang mit Entwicklungshilfe ueberhaupt in den Mund nehmen? Ist das erlaubt? Was ist der richtige, politisch korrekte Begriff, um den Machtkampf der entwickelten Laender um Ressourcen zu beschreiben? Friedenssicherung? Armutsbekaempfung?

Bis in die 60er Jahre war alles einfach und uebersichtlich. England, Spanien, Deutschland, Frankreich und Portugal hatten die Welt untereinander aufgeteilt, eine Basic-Infrastruktur in ihren Kolonien entwickelt, um dann die Ressourcen zum naechsten Hafen transportieren zu koennen. Es gab auch Investitionen in Bildung und Medizin, denn man brauchte ausgebildete Arbeiter, und gesund sollten diese natuerlich auch sein und bleiben. All das macht aber auch Entwicklungshilfe heute: es wird vor allem in Bildung und Medizin investiert, HIV/Aids wird bekaempft, Infrastruktur entwickelt, noch ein bischen Friedenssicherung und Good Governance – aber irgendwelche wirtschaftliche Interessen werden vehement abgestritten.

Denn Kolonialismus sei seit mehr als 50 Jahren abgeschafft; mit kolonialen Methoden, so die oeffentliche Meinung, wurden Afrika, Asien und Suedamerka unterdrueckt und ausgebeutet. War es frueher aber nur ein Land, uebersichtlich fuer alle Beteiligten, welches in das Wohlergehen eines anderen Landes eingriff, duerfen heute, in unserer globalen Welt, nun alle mitmachen. Kein Land hat mehr das Monopol ueber andere, alle leisten sie nun „Entwicklungshilfe“, selbst China und Indien, viele Jahre selbst Kolonien, mischen nun mit im Geschaeft um Rostoffe, vor allem Oel, das schwarze Gold. Daran hat sich nichts geaendert, an Oel sind immer noch alle interessiert, auch wenn alle abstreiten, dass dies das vorrangige Motiv sei.

Unser deutscher Botschafter hat es kuerzlich in die Schlagzeiten der ugandischen Presse geschafft, und damit sogar auf einen zwei Seiten Artikel im Spiegel (Der Spiegel 30/2010: Um Mitternacht im Palast). Buchholz, ein altgedienter Afrika-Fachmann des Auswärtigen Amtes, hat einer deutschen Firma zu einem Millionenauftrag in Uganda (64 Mio. EUR) verholfen und dabei die Kollegen aus London und Washington ausgestochen. Ein schoener, fetter Auftrag fuer eine deutsche Firma sowie gleichzeitig ein netter Wettbewerbsvorteil gegenueber all anderen Geberlaendern.

Und im Sudan gibt es ein Referendum über die Abspaltung des Südsudan, das im kommenden Jahr bevorsteht; und die Deutschen sind natuerlich mit dabei. Die GTZ hat nicht nur Straßen gebaut, die den Südsudan an seine südlichen Nachbarstaaten anbinden (Kenya und Uganda) und damit die Trennung vom Norden erleichtert. Sie führt zudem seit dem Jahr 2007 ein „Programm zur Unterstützung des Staatsaufbaus“ durch. Das hat ganz sicher nichts mit Öl im Südsudan zu tun, wie manch boese Zunge behauptet, beispielsweise der Blogbeitrag von Dailyrace vom 3. März 2010. Deutschland, erst seit 20 Jahren wiedervereinigt, kann doch nicht die Abspaltung einer Region in einem anderen Land massiv vorantreiben, nur wegen ein paar Oelressourcen.

Es gibt aber sogar Leute, die meinen, dass wegen dem Oel der gesamte Darfur Konflikt inszeniert wurde. Humanitäre Katastrophe oder Ölinteressen? – Kleines Sudan-Dossier, 8. Juni 2010:
Im Vorfeld des Bundeswehr-Einsatzes in Sudan wurde eine Menschenrechtskatastrophe in der sudanesischen Region Darfur hochstilisiert. Der Kölner Wissenschaftler und Sudan-Kenner Stefan Kröpelin vertritt die Auffassung, dass die Menschenrechtssituation in Sudan nicht besser und nicht schlimmer ist als in jedem anderen afrikanischen Land. Auch offizielle Stellen würden das unter der Hand bestätigen. Doch seit man am Erdöl interessiert sei, sei die humanitäre Katastrophe für den Westen plötzlich von Interesse.

Die Rechtsabteilung des Max Planck Instituts hat schon vor einiger Zeit die Verfassung fuer den unabhaengigen Suedsudan geschrieben. Seit laengerem planen die Deutschen auch eine Eisenbahnlinie durch den Suedsudan um das Oel nach Kenya zu transportieren. Dieser Plan wurde scheinbar verworfen. Der neueste Plan sieht vor, die Eisenbahnstrecke von Uganda an die kenyanische Kueste wieder aufzubauen. Uganda hat hierfuer letztes Jahr bereits ein MoU (Memorandum of Understanding) mit der deutschen Regierung unterschrieben.

Oel gibt es nicht nur im Suedsudan, sondern auch in Uganda. Damit dieses und womoeglich noch weitere MoUs und Abkommen tatsaechlich realisiert werden koennen, bedarf es, dass die jetzige Regierung, also Musevini, an der Macht bleibt. Moeglicherweise steht der von unserem Botschafter eingefaedelte Deal zur Bereitstellung der Technologie fuer die Waehlerregistrierung damit im Zusammenhang?

Alles nur Spekulationen? Wahrscheinlich sehe ich das alles falsch und was ich hier beobachte, ist in Wirklichkeit nur ernstgemeinte Entwicklungshilfe, total altruistisch von Deutschland. Und unser Botschafter ist nur uebers Ziel hinausgeschossen. Alle anderen Meinungen sind nur Konspirationstheorien. Denn die vereinigte entwickelte Welt, hier am Beispiel Deutschlands, will doch nur dem Sudan zu einer vernuenftigen Eisenbahnlinie und ein paar Strassen verhelfen, damit endlich der oeffentliche Transport verbessert wird und Gueter transportiert werden koennen; und IT Technologie wird in Uganda nur entwickelt, damit es endlich eine vernuenftige Waehlerregistrierung gibt und die Ugander zu Ausweisen kommen. Gibt es da Zweifel? Wer etwas anderes behauptet, muss sich irren!

Mehr Artikel zum Thema:
Eisenbahn durch die Hölle Der Spiegel, 45/2004
Ein deutscher Unternehmer will mehr als 4000 Kilometer Bahnlinie durch den südlichen Sudan bauen. Es wäre das größte derartige Projekt der Welt – in einem verwüsteten Land. Es geht um Gold, Öl und einen neuen Staat „made in Germany“.

Das Spiel mit der Weltöffentlichkeit AG Friedensforschung and der Uni Kassel, 2006, STEFAN KRÖPELIN
In Konkurrenz mit dem neuen »Global Player« China zielt die Strategie der gegenwärtigen US-Regierung auf den Zugang zu den afrikanischen Ölreserven. Im Sudan wurden hierfür die durch Bevölkerungswachstum und Unabhängigkeitsbestrebungen eskalierten Regionalkonflikte in Darfur instrumentalisiert. Die in den Medien sträflich einseitig dargestellte humanitäre Krise scheint dabei als Vorwand für militärische Interventionen benutzt zu werden, die – egal unter welcher Ägide – das bereits eingetretene Debakel verschlimmern, die Region weiter destabilisieren und wirkliche Hilfe für die leidende Bevölkerung behindern.

Bundesregierung will weiteren Bundeswehr-Einsatz im erdölreichen Sudan NGO Online, 16.9.2008
Die Bundesregierung plant eine weitere Beteiligung der Bundeswehr an den internationalen Sudan-Missionen UNAMID und UNMIS. Hier gehe es um eine weitere „Friedenskonsolidierung“ im Sudan, sagte Verteidigungsminister Franz Josef Jung (CDU) am Dienstag (16. September) im Bundestag in Berlin bei der ersten Beratung der neuen Bundeswehrmandate.

Wahlen im Sudan NGO Online, 16.4.2010
Den USA und Deutschland gehe es im Sudan insbesondere darum, in Konkurrenz zu China Zugriff auf die Rohstoffe des Landes zu bekommen. Wie so oft geht es dabei insbesondere um einen möglichst exklusiven Zugriff auf Erdölvorkommen. Daher drängen die USA, Deutschland und andere europäische Staaten auf eine Teilung des Landes.

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Kommentare
  1. Roter Kater sagt:

    Vergleiche mit negativen Vergangenheitsbegriffen sind meist kontraproduktiv.

    Die heutigen Richter mit Freisler und anderen NS-Richtern zu vergleichen erzeugt mehr Feinde als Verständnis. Das heutige Verhalten unserer Politiker und Menschen mit Faschismus oder Faschisten zu beschimpfen führt nicht zu den gewünschten Veränderungen. Auch nicht, wenn es wahr wäre. Das Verhalten der heutigen Politiker mit den DDR-Politikern zu vergleichen und die Rolle unserer Anwälte mit der Funktion und Arbeit der Stasimitarbeiter, sowie der Gerichtsverhandlungen mit den SED-Versammlungen und internen Stasi-Besprechungen überzeugt nicht, auch wenn es wahr wäre.

    Die heutige Zeit kann nur mit Neudeutsch beschrieben und kritisch beleuchtet werden. Das Verhalten der Nazis, der DDR-Funktionäre und der Stasileute kann sehr konkret mit der neuen deutschen Sprache erläutert werden. Dasselbe betrifft Kolonialismus und Neokolonialismus.

    Untersuche wie der Kolonialismus funktionierte und weshalb dieser zusammenbrach. Beschreibe Deine Erfahrungen und Schlussfolgerungen mit diesen Erkenntnissen. Aber bitte im Neudeutsch. Möchtest Du den Gedanken äußern, dass der Kolonialismus zusammenbrach und deswegen der Neokolonialismus ebenfalls zusammenbrechen wird, dann beschreibe das konkret. Der Kolonialismus hatte seinen Gründe zusammenzubrechen. Beschreibe die heutigen Gründe im Neudeutsch, wenn es die gleichen sind.

    Nur so bekommst Du Mitstreiter und schreckst niemanden ab mit dem Vorwurf, er gehöre der Vergangenheit an und handle wie die Nazis, die DDR-Funktionäre, die Stasileute, er sei Vertreter des Neokolonialismus oder anderer bekannter krimineller Strukturen.

    • bellusci sagt:

      Und was waere eine bessere und zutreffendere Beschreibung in „Neudeutsch“? Mir faellt leider nichts besseres ein. Nazis, Stasi, Faschisten hatten sich selbst so genannt, da musste sich niemand einen Begriff dafuer ausdenken. In Afrika, Suedamerika und Asien gab es Kolonien und Kolonialherren; auch da gab es keine Probleme mit einer passenden Begriffsfindung… Und Neo- ist eine uebliche Verwendung, wenn dem Beschreiber nichts besseres einfaellt… Es gibt die Periode der Renaissance und 300 Jahre spaeter die der Neorenaissance; warum soll es dann keinen Kolonialismus und dann 100 Jahre spaeter einen Neokolonialismus geben duerfen? Also, falls irgendjemand einen besseren Vorschlag hat, das koennte durchaus eine spannende Diskussion werden.

  2. Roter Kater sagt:

    Die Begriffe Faschismus, Nazi, Kolonialismus, Stasi etc. sind negativ belegt. Viele der heutigen Neokolonialisten oder Neofaschisten oder Neonazis sehen sich nicht als solche. Ich meine nicht die, die genau wissen, dass sie Neonazis und Neokolonialisten sind. Ich meine die, die gegen die Nazis und/oder gegen den Kolonialismus sind, aber nicht begreifen, dass sie selber aktiv diese veralteten Strukturen und Systeme vertreten und argumentativ untermauern. Diese werden durch die Etikettierung abgestoßen.

    Es kann z.B. durchaus sein, dass von einigen Menschen Dein Verhalten gegenüber Deinen Hausangestellten und das Beschäftigen von Hauspersonal an sich als ein krasses Merkmal von aktiven Kolonisatoren gesehen wird, und Du als solche beschimpft wirst. Dann bist Du den möglicherweise sachlichen Argumenten und dem entsprechenden Hintergrund gegenüber nicht mehr empfänglich. Besser ist es, die Probleme beim Namen zu nennen, ohne denen Etiketten aufzuhängen.

    • bellusci sagt:

      Andere Meinungen/ Artikel zum Thema:

      (1) Wikipedia – Neukolonialismus

      (2) Im Gegensatz zum Kolonialismus sind die Methoden des Neokolonialismus etwas versteckter und nicht so offen konfrontativ. Es wird nicht auf offensichtliche Weise ein Land militärisch besetzt, sondern es wird ökonomisch und politisch abhängig gemacht.
      Im Folgenden eine Auflistung von Methoden, die keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt:
      • Schaffung ökonomischer Abhängigkeit
      • Ökonomischer Druck, wie z.B. auch Boykottdrohungen unter irgendwelchen formalen Vorwänden (z.B. Kampf gegen Terrorismus)
      • Monopolistisches Preisdiktat
      • Monopol im Bereich der Technologie und Wissenschaft
      • Kauf von billigen Rohstoffen oder billigen Produkten
      • Schaffung eines nur einseitigen Exports in den Entwicklungsländern

      Aus: Punxatans Neuer Blog Artikel, 23.4.2010

      (3) Radikal neue Entwicklungshilfe? Oder grossangelegte volkswirtschaftliche Experimente?
      US-Ökonom empfiehlt Deutschland als Kolonialmacht Spiegel-Online, 25.1.2010
      Der Plan ist revolutionär: Der US-Ökonom Paul Romer will in der Dritten Welt ganze Städte neu gründen – die Verwaltung sollen ausländische Demokratien wie Deutschland übernehmen. Als Vorbild dient dem Wissenschaftler der Wirtschaftsboom in Hongkong.

  3. Roter Kater sagt:

    Die Wikipedia ist links ausgerichtet. Die Linken haben recht, aber sie sind unfähig, reale und bessere, menschenfreundlichere Alternativen durchzusetzen.

    Die Sowjetunion war ein Kolonialstaat, der sich darin von den anderen Kolonialstaaten unterschied, dass die Kolonien direkt an Russland angrenzten. Deswegen zerfiel diese Großmacht am spätesten. Zur Durchsetzung von Alternativen sollte man die Vertreter der falschen Politik nicht diffamieren. Mit dem Begriff Neokolonialismus diffamiert man diese Menschen anstellt sie für bessere Politik zu gewinnen.

    In der Sowjetunion ging die Bekämpfung der Andersdenkenden und Andershandelnden konsequent bis zum GULAG. Das halte ich für falsch. Die Linken haben sich davon ideologisch nicht überzeugend distanziert.

    • bellusci sagt:

      Ich wuerde mal nicht pauschalisieren, alles in einen Topf schmeissen und dann auch noch pauschal beleidigen und angreifen, wie „die Linken haben recht, aber sie sind unfähig, reale und bessere, menschenfreundlichere Alternativen durchzusetzen.“

      Wer sind die Linken? Wer ist unfaehig? Wer hat sich von was nicht ueberzeugend distanziert?

      Was hat Diffarmierung von Vertretern der falschen Politik mit der Durchsetzung von Alternativen zu tun? Das klingt sehr provokatorisch; und ich muss zugeben, dass ich das Wort „Diffarmierung“ nicht kannte, und erst mal nachschauen musste… Als Diffamierung (v. lat.: diffamare = Gerüchte verbreiten) bezeichnet man heute allgemein die gezielte Verleumdung Dritter. Roter Kater, was hat mein Artikel mit gezielter Verleumdung zu tun?

      Bitte schmeiss‘ nicht alles in einen Topf: Kolonialismus, Sowjetunion, DDR, Stasi, Nazi, Faschisten… Sicher hat das alles irgendwie miteinander zu tun, denn es ist unsere Geschichte, und Geschichte kann man nicht verleugnen und/oder vergessen, die ist da und beeinflusst unser Denken und Handeln, da koennen wir nichts dagegen machen; jedoch in meinem Artikel geht es um konkrete, heutige Entwicklungspolitik und die Rolle der entwickelten Laender in den unterentwickelten Laendern, insbesondere in Uganda (da ich hier nun einmal lebe).

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