Hausbedienstete, Arbeitnehmer, Angestellte und Arbeiter

Veröffentlicht: April 5, 2010 in Daily Life/ Alltag

Preparing dinner

Ich bin ueber Ostern in Deutschland und besuche Familie und Freunde. Viele unserer Gespraeche drehen sich um Uganda, meine Erfahrungen und Erlebnisse dort, aber auch um die Firmen meiner Eltern und meines Bruders. Wir sind eine Unternehmerfamilie, jeder hat(te) ein eigenes Unternehmen, nicht zu gross, aber gross genug, um davon gut zu leben.

Gestern abend drehte sich unsere Diskussion um Arbeitnehmerei (vs. Sklaverei).

Ich habe Ugander kennengelernt, die sich teilweise schaemen, in einem Anstellungsverhaeltnis zu sein; sie verheimlichen diesen Fakt vor ihrer Familie und bevorzugen, in anderen Staedten zu arbeiten und das Geld an die Familie zu schicken und geheimzuhalten, wie sie an die Finanzen rankommen. Anstellung ist fuer sie der Verlust der eigenen Freiheit. Es geht nicht um der Fakt, dass man nicht arbeiten will, aber nicht in einer Anstellung. Eigener Chef ja, aber Angestellter oder Arbeiter, nein.

Unser Hausmaedchen in Uganda sieht sich selbst nicht als Angestellte, eher als unsere „Tochter“. Wir schicken sie von Montag bis Freitag in die Schule, bezahlen die Schulgebuehren, kaufen ihre Schulbuecher, kleiden sie ein, verpflegen sie und bringen sie unter; auch erhaelt sie ein kleines Taschengeld, aber keinen Lohn.

Im Gegenzug zu unseren Leistungen putzt sie das Haus an Wochenenden, buegelt die Waesche und kocht. Finanziell kostet sie uns mehr als eine Angestellte, denn einer Angestellten wuerden wir zwischen 80,000 und 120,000 UGX (Ugandische Schilling) zahlen und sie wuerde Montag bis Samstag volltags dasein, also 60 Stunden fuer ungefaehr 40 EUR monatlich.

Unser Hausmaedchen kostet uns vielleicht das Doppelte, muss aber mit uns leben und fragen, wenn sie mal am Wochenende oder abends das Haus verlassen will. Freunde darf sie nur nach vorheriger Absprache empfangen und sie muss uns um Geld bitten, wenn sie zum Frisoer will oder ihre Wuensche auf der Einkaufsliste mit aufschreiben, damit diese von uns besorgt werden beim Grosseinkauf am Wochenende.

Meine Familie nennt das „Sklaverei“. Zurecht?

In the garden

Unser Maedchen fuehlt sich nicht ausgenutzt, eher bevorzugt und priveligiert, denn nur wenige Ugander bekommen die Chance, mit Muzungus (Weissen) zu leben und deren Lebensweise und Haus zu teilen.

Wie ist das mit den Deutschen, die in Ein-Euro-Jobs sind? Meine Familie ist der einheitlichen Meinung, dass die meisten sich voellig unterbezahlt fuehlen und dass es fuer Unternehmen nichts bringt, diese Leute einzustellen. Der Aufwand, sie einzuarbeiten und dann die geringe Motivation und Ergebnisse, die zurueckkommen, sind der Liebe nicht wert. Erfahrungen sind, dass die meisten sich ausgenutzt fuehlen.

Wo faengt Arbeitnehmerschaft an und Sklaverei auf? Wie zieht man die Grenze? Mindset? Ein ansprechender Lohn? Freie Bestimmung ueber die eigene Freizeit? Lieber kein Geld, aber unabhaengig leben und entscheiden duerfen? Was ist mit den erwachsenen Kindern, die im Haushalt der Eltern mitleben und sich deren Regeln beugen muessen? Sollten sie zur Miete beitragen? Muss immer alles in Geld verrechnet werden?

Wir bezeichnen unser Hausmaedchen in Uganda als unsere „Tochter“. Auch ihre Eltern, wenn wir telefonieren, fragen uns, wie es „unserer“ Tochter geht.

Wir haben sie in unserer Familie aufgenommen und sie bekommt (fast) alle Leistungen, die ich auch meinem 17jaehrigen Sohn geben wuerde. Wir haben sie jetzt nicht mit nach Deutschland mitgenommen, weil wir jemanden brauchen, der unser Haus in unserer Abwesenheit huetet, aber wir nehmen sie mit ins Schwimmbad oder zum Essen, wenn wir in Kampala sind. Im Gegensatz zu meinem Sohn, der sich wie ein Koenig benimmt; sich von Eltern und Grosseltern, von vorn bis hinten bedienen laesst, ein Wohlstandskind; sich um jeden einzelnen Abwasch streitet, nur mit Maulen zu Baecker geht, zu Weihnachten ein Fahrrad erwartet und zum Geburtstag einen neuen Computer.

Unser Hausmaedchen gibt in Arbeitsleistung zurueck, was wir ihr geben.

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Kommentare
  1. Volker Seitz sagt:

    Ich kenne das Problem der Hausbediensteten auch aus Diskussionen mit Freunden, Bekannten, die noch nie in Afrika waren und wohl auch nie dort arbeiten möchten. In den Diskussionen wird Mann/Frau fast des Kolonialismus verdächtigt, weil man überhaupt Bedienstete hat. Vergessen wird dabei, dass – so habe ich das jedenfalls erlebt – diejenigen Ausländer die keine Bediensteten beschäftigen als unsozial eingestuft werden.

    Fast jede oder jeder AfrikanerInnen wünschen sich ein Arbeit bei Ausländern. Sie werden dort in der Regel besser behandelt, besser bezahlt (Faustregel: von jedem Gehalt eines Afrianers leben bis zu 10 Personen) und der Ausländer fungiert auch als Krankenkasse sowie als Kreditinstitut. Wenn es an Nahrungsmittel fehlt kauft der Ausländer auch einen extra Sack Reis. Ich habe selbst Minister und Abgeordnete erlebt die ihren Bediensteten sehr unregelmäßig ihren Lohn zahlten und dabei von ihnen erwarteten, dass jederzeit (abends und am Wochenende ) verfügbar sind. Wobei der Lohn dann nicht einmal dem Mindestlohn (in frankophonen Ländern der SMIC) entspricht.

  2. Pathologe sagt:

    Ich als „Oyibo“, als Weisser, hatte mir noch nie Gedanken um Housemaids gemacht. Auch nicht, als ich in Nigeria war. Ich konnte meinen Haushalt selbst gut in Schuss halten, es war ja nur ein Einpersonenhaushalt. Bis ich meine Frau, Nigerianerin, kennenlernte.

    Bei ihr war es Usus, eine Maid zu haben. Ein Maedchen aus ihrem Dorf, deren Eltern sehr arm sind und die daher keine Moeglichkeit gehabt haetten, ihre Tochter auf eine Schule zu schicken. Meine Frau nahm das Maedchen in ihr Haus auf, zahlte ihr Essen, Schule, Kleidung etc (wie oben beschrieben) und den Eltern eine monatliche Abgabe und bekam dafuer den Haushalt gefuehrt. Das Maedchen schaffte die Schule und haette sogar auf eine weiterfuehrende Schule gekonnt, waere ich nicht versetzt worden.
    Fuer viele Nigerianer/innen ist dies eine legale Moeglichkeit, Geld zu verdienen und gut untergebracht zu sein. Alternativ warten auf sie nur Armut oder das Leben auf einfachstem Niveau, (schul)bildungsfrei auf dem Land. Es hat von aussen immer den Anschein von „Herrentum“ oder „Sklaverei“, bietet aber im Endeffekt einer ganzen Bevoelkerungsschicht eine Einnahmequelle und verringert dadurch den schnellen Schritt in die Kriminalitaet.

  3. Roter Kater sagt:

    Hausangestellte erbringen eine Dienstleistung. Wie bei jeder Dienstleistung kommt es darauf an, wie der Dienstleistende behandelt, entlohnt etc. wird.

    Es gab Versuche, Gesellschaften ohne Kellner, ohne Hausmeister und sonstigen „erniedrigenden“ Tätigkeiten aufzubauen, und vergaß dabei, dass auch hochbezahlte Dienstleister nicht selten entwürdigt werden, kriechen sowie buckeln müssen.

    Es kommt auf die Details, die konkreten Umstände und die menschliche Umgangsweise an.

  4. 92 sagt:

    wir hatten mal ein schwarzes hausmädchen, die hielt aber nur 3 tage; die hat gleich mal verlängertes wochenende gemacht, sie kam dann erst wieder mittwoch morgen (ihr ist halt was dazwischen gekommen)
    außerdem war dann gleich mal der käse für die pizza zur hälfte weg und ein teil der langustinos ( beides sehr teuer hier) und das nach 3 tagen
    wochenende wollte ich pizza für den besuch machen und hab dann ganz dumm geguckt
    hausmädchen machen oft mehr schaden, als sie im monat verdienen
    mixer und bügeleisen halten meist nur 3 monate, kleider versaut, weil sie mal wieder mit konzentierter
    bleichlauge drangegangen sind oder sie spritzer davon abbekommen haben; daß man farbige und weiße wäsche getrennt waschen muß !! unbekannt. ansonsten wird bei der arbeit den halben tag mit handy telefoniert, übrigens selbst wenn die kein geld für essen haben, fürs handy reicht es immer, eher hungern die kinder

    es ist hier übrigens üblich und normal, männer arbeiten die ganze woche und versaufen alles am wochenende, das kenne ich hier sogar aus der eigenen angeheirateten familie, montags kommt man dann nachmittags zur arbeit oder besser gleich dienstags und das zu fuß weil man keinen peso mehr für den bus hat
    das ist hier so der normalfall, die ausnahme wäre wenn einer mal pünktlich käme !!!! konjunktiv !!!
    ich habe platten bestellt die s ollten heute kommen, kamen aber nicht!! also ist der plattenleger morgen ohne arbeit, wenn der überhaupt kommt rofl rofl
    ein handwaschbecken anzuschließen, da habe hier 4 !!! vorarbeiter versucht und nicht dicht bekommen :groehl:
    bis ich es dann selber gemacht habe mit meinen zwei linken akademiker händen

    • bellusci sagt:

      Das ist aber ein ganz schoen frustrierter Kommentar… Mann oh Mann! Tut mir echt leid…

      Als ich in Uganda eingereist bin, wurde mir von Kollegen gesagt, dass es hier nur zwei Kategorien von Expats gibt… Die Einen, die das Land und die Leute hier lieben und die anderen Kategorie, die alles, wirklich alles, hassen und viele koennen bereits nach 3 Monaten keine schwarzen Gesichter mehr sehen.

      Leider ist das wahr.

      Wir waren gestern Abend bei Freunden, und der Mann zaehlt die Tage, wenn sein Arbeitsvertrag auslaeuft und er hier endlich weg kann. Eine meiner Arbeitskolleginnen ist Ende August ausgereist – sie hatte ihren Vertrag vorzeitig gekuendigt und zieht eine ungewisse persoenliche Zukunft sowie eine 3monatige Sperre von Arbeitslosengeld einem weiteren Verbleib hier vor.

      Dieser Beispiele gibt es viele, sehr viele.

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