Frauen und Gender

Veröffentlicht: März 18, 2010 in Challenges / Herausforderungen

Ugandan woman, Adjumani

In Deutschland war ich viele Jahre stolze Eigentuemerin eines Gewerbebetriebes; jung (unter 30) und weiblich. Nicht selten wurde ich gefragt, wo denn mein Seniorpartner ist oder mein Mann, wenn Verhandlungen anstanden, beispielsweise mit Stiftungen, Stadtverwaltung oder Banken. 2008, beim Auswahlgespraech mit der Entsendeorganisation in Deutschland wurde mir im Einzelinterview die Frage gestellt, warum mein Lebenslauf nicht „gender-sensitiv“ sei, denn dort stand, ich sei „Betriebswirt“ und nicht „Betriebswirtin“ und als vergangene Taetigkeit hatte ich angegeben „Geschaeftsfuehrer“ und nicht „Geschaeftsfuehrerin“.

Mein ganzes Leben lang habe ich damit gekaempft, mich als Frau in der deutschen Gesellschaft durchzusetzen (als Unternehmerin, fuer einen Sitz im Gemeinderat, …), trotz Gendergleichheit auf dem Papier. In hunderten Meetings habe ich ganz oft als einzige Frau unter Dutzenden Maennern gesessen. Und meine „falsche“ Wortwahl haette beinahe dazu gefuehrt, dass ich den Job in Uganda nicht bekommen haette. Das waere wahre Ironie gewesen! Ich bin ein gebranntes Kind, wenn es um das Thema Frauen und Gender geht. Selbst als Frau ist da viel falsch zu machen und es stehen tausende Fettnaepfchen bereit.

Ich habe gelernt, dass es oftmals nicht darauf ankommt, was auf dem Papier steht. Papier ist geduldig. Mein Leben findet aber nicht auf Papier statt, sondern in einem realen sozialen Umfeld, und damit muessen ich und andere Frauen zurechtkommen.

Wie steht es um Frauen und Gender in Uganda?

Ich selbst arbeite nicht in Gender, aber es ist ein „crosscutting“-Thema, d.h. dass wir bei allen Projekten Gender nie aus den Augen verlieren duerfen. Bei jedem Bericht muss kurz darauf Bezug genommen werden, vor allem, was da so erreicht wurde. Auch wenn Gender per Definition Mann und Frau umfasst, in der Praxis geht es ausschliesslich um Maedchen- und Frauenfoerderung.

Auszug aus einem Arbeitspapier:
„„Gender“ bezeichnet das sozial konstruierte Geschlechterverhaeltnis in einer bestimmten Kultur. Dieses basiert auf einer historisch gewachsenen Rollenverteilung zwischen Maennern und Frauen und dem durch Erziehung und Sozialisation gepraegten Rollenverständnis. Es bestimmt die Interessen, Beduerfnisse und Rechte von Maennern und Frauen, wird kulturell ueberliefert und unterliegt permanentem Wandel.

Frauen sind in Uganda haeufig benachteiligt; Armut und Konfliktsituation tragen dazu bei, ebenso wie eine stark hierarchische und kulturell eher konservativ orientierte Gesellschaftsstruktur. Gewalt gegen Frauen – auch Vergewaltigungen und Missbrauch – sind gaengig. Gewalt in der Ehe ebenfalls. Daher ist das Ziel insbesondere „Empowerment“ von Frauen.“

Selbstverstaendlich unterstuetze ich, dass Gleichbehandlung und Bildungschancen fuer Frauen garantiert sein sollten und dass politische Weichenstellung oftmals notwendig ist. Aber man kann alles, wirklich alles uebertreiben! In Deutschland ist Gender schoen auf dem Papier geschrieben und trotzdem nimmt das keiner Ernst und hier in Uganda, weil die Geldgeber darauf draengen, hat sich das Blatt inzwischen komplett gewendet.

Ich habe noch nie in meinem Leben so viele Frauen am Steuer gesehen, wie hier in Uganda. Selten sitze ich in einem Meeting mit Ugandern, in welchem ich die einzige Frau bin (in Deutschland und in meiner eigenen Organisation, bei internen Meetings, kommt das schon recht oft vor). Kommt eine Frau als Vertreterin, egal was fuer einer grossen Organisation, wird niemals von Ugandern gefragt, ob sie denn die Kompetenz haette, die Verhandlungen zu fuehren. Insgesamt ist der Eindruck, dass im entwickelten Teil Ugandas Frauen eine erheblich bessere Position besitzen als in meiner Heimat.

Verkauefer in Kampala

Impact durch Entwicklungsorganisationen:

Dort, wo Entwicklungsorganisationen involviert sind (und das ist eine unueberschaubare Zahl an Organisationen) und wo Expats auf „Gender“ achten, ist mir aufgefallen, dass oftmals mehr Frauen als Maenner in einer Anstellung zu finden sind. So zaehlt meine ugandische Partnerorganisation beispielsweise von 13 Mitarbeitern nur 3 Maenner und ich kenne viele Organisationen mit aehnlichen ungleichen Verteilungen.

Letztes Jahr (2009) habe ich eine Umfrage an Berufsschulen gemacht und u.a. auch nach dem Geschlecht der Schueler gefragt. Ich war neu in Uganda und hatte diese Frage eigentlich nur als Warmmacher auf meinem Fragebogen und das fuer mich wirklich unerwartete Ergebnis waren ca. 50% mehr Maedchen als Jungen in Berufsschulen. Ich werde das Ergebnis auf jeden Fall noch dieses Jahr validieren.

Erklaerung dafuer koennte sein, dass die meisten Schulen von auslaendischen Donororganisationen abhaengen und die meisten Programme konzentrieren sich auf „valnurable children“, zu denen insbesondere Maedchen zaehlen. Wenn eine Berufsschule also einen neuen Jahrgang zusammenstellt, gehen alle Bewerbungen an verschiedene Organisationen mit Foerderanfragen. Jugendliche, die eine Foerderung zugesagt bekommen, duerfen bleiben, die anderen muessen entweder selbst die Schulgebuehren aufbringen oder bekommen halt keine Ausbildung. Das heisst, die als nicht „valnurable“ Klassifizierten haben geringere Bildungschancen, denn die Schulgebuehren sind heftig und die wenigsten koennen sich die leisten. Familien haben hier oftmals zwischen 7 und 9 Kindern und das Haushaltseinkommen reicht oftmals wirklich nur fuer die Ernaehrung, da ist Sponsorship der eigenen Kinder fuer Schulausbildung fast ausgeschlossen.

Das Endergebnis sind jede Menge besser ausgebildete Frauen, aber ob sie unbedingt alle intelligenter sind als diejenigen, die von Bildung aufgrund von Nichtqualifizierung systematisch ausgeschlossen werden. Wohin wird sich Uganda entwickeln, wenn Millionen gesunde Menschen, nur weil sie Maenner sind, geringere Bildungschancen haben als saemtliche „valnurable“ Schichten des Landes?

Ein Expat-Bekannter unterrichtet an einer Universitaet in Kampala Kameratechnik. Ich habe kuerzlich seine Klasse kennengelernt, 8 Maedchen von 10 Studenten.

Empowering von Frauen – das Schlagwort in Zusammenhang mit Gender!

Viele Berichte, insbesondere in Mikrofinanzen, zeigen auf, dass sich Frauengruppen besser entwickeln als Maennergruppen. Frauen sind oftmals die besseren Finanzmanager, aber das ist ja auch bei uns in Deutschland bekannt. Ich kenne viele Firmen, wo der Mann der Geschaeftsfuehrer ist und die Frau die Leiterin der Finanzen. Maenner sind mehr fuer strategische Dinge zu haben, die Frauen mehr fuers Detail. Warum das so ist, habe ich keine Ahnung; und es gibt sicherlich auch Maennern nicht das Recht, ueber Frauen zu bestimmen, aber ausschliesslich und nur Frauen zu foerdern, halte ich fuer ebenso verkehrt.

Ich frage mich, wo soll das hinfuehren? Was sind die Konsequenzen?
Bis heute existiert in keinem der Geberlaender ein natuerliches Gendergleichgewicht; mir ist kein Land in der entwickelten Welt bekannt, wo man auf Erfahrungen zurueckgreifen kann, wie sich eine Volkswirtschaft entwickelt, wenn Frauen eine fuehrende Rolle einnehmen. Afrika ist ein Kontinent fuer Experimente!

„Do-No-Harm“ ist ein anderes Schlagwort im Entwicklungsdienst, aber Gender in diesem Zusammenhang ist definitiv ein Tabu-Thema. Wehe dem, der nicht auf politische Korrektheit achtet. Frauenfoerderung ist wichtig und richtig und darf nicht hinterfragt werden. Amen!

Schlussbemerkung:
Jegliche Reflektion, Betrachtung und Einschaetzung eines Themas erfolgen immer von einem subjektiven Blickwinkel und reflektieren persoenliche Einstellungen und Lebenserfahrungen. Selbst der bewusste Versuch, objektiv zu sein, ist oftmals fast unmoeglich. Die eigene Subjektivitaet spielt bei jeder Einschaetzung eine grosse Rolle – selbsterfuellende Prophezeiungen, vorgefertigte Theorien, eigene Vorurteile und Wertvorstellungen – das alles beeinflusst Denken und Wahrnehmung; wenn ich etwas von einem bestimmten Winkel sehen moechte, dann nehme ich mittels meiner selektiven Wahrnehmung nur wahr, was zu meinem eigenen Weltbild passt. Beobachtungen, die nicht zu meinem Vorstellungsgebilde passen, schiebe ich als irrelevant zur Seite und Informationen und Argumente, welche meine Meinung aendern wuerden, lasse ich nicht an mich rankommen.

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Kommentare
  1. Volker Seitz sagt:

    Herzlichen Glückwunsch zu Ihrem Artikel. Wie alle Ihre Artikel ist er schlüssig geschrieben und ich lese deshalb auch gerne längere Beiträge von Ihnen.
    Ich muß gestehen, dass ich mit den Begriffen „Gender“ oder „Gender Mainstreaming“ nichts anfangen kann. Ich war in einem Ministerium für Organisation zuständig und in dieser Funktion hatte ich auch so genannte Erlasse (das sind Weisungen/Rundschreiben an alle Mitarbeiter) zu prüfen. In so einem Erlass ging es um die Beachtung von „Gender Mainstreaming“im Ministerium. Ich habe daraufhin mehrere Kolleginnen und Kollegen angefrufen und sie gefragt, was der Begriff bedeutet. Niemand konnte mir eine schlüssige Antwort geben. Ich habe deshalb verlangt, dass der Erlass nur abgehen kann, wenn eingangs der Begriff per Definition erläutert wird.
    Ich mag diese Begriffe nicht, weil sie Modebegriffe sind und nur von denen beachtet werden, die sich ohnehin für Gleichberechtigung einsetzen. Warum können wir nicht einfach von Geschlechtergerechtigkeit, Frauenförderung oder ähnlichem sprechen.
    Jeder weiß heute, dass viele Deutsche z.B. in der Werbung viele Begriffe nicht verstehen. Es gibt zahlreiche englisch klingende Wörter die in der englischen Sprache nicht oder anders vorkommen. Aber das ist eine andere Geschichte.

    Fast überall in Afrika sind Frauen benachteiligt. (Ausnahme Ruanda. Dort sind Frauen im Parlament, Justiz usw. in der Mehrzahl. Und die dortige Frauenpower sorgt dafür, dass Ruanda sich besser als andere Staaten in Afrika entwickelt. Sie sind für den Aufschwung in diesem Land zum großen Teil verantwortlich) Das fängt mit den schlechteren Chancen in der Bildung an. Sie schreiben richtig: die Geber müssen das durchsetzen. Frauen müssen massiv gefördert werden.
    Die alte Männer Riege zieht alle Register der Volksbeeinflussung, spielt die ethnische Karte, um sich so lange wie möglich an der Macht zu halten. Dazu dient ihr nicht zuletzt das Geld, das in den Jahren absoluter Staatsführung anhäufte und die Droge staatlicher Entwicklungshilfe. Die männlichen Eliten Afrikas lösen die Versprechen an die Geberländer nur halbherzig, unzureichend oder gar nicht ein. Man sollte den Frauen eine Chance geben, es besser zu machen.
    Volker Seitz

    • bellusci sagt:

      Lieber Herr Seitz,
      mit dem ersten Teil Ihres Kommentars bin ich absolut einverstanden. Modebegriffe sind gefaehrlich, vor allem, wenn jeder diese anders interpretiert. Man sollte lieber Begriffe wie „Frauenfoerderung“ oder „Geschlechtergleichstellung“ verwenden, die weniger Interpretationsspielraum zulassen.

      Mit dem zweiten Teil des Kommentars, das Geber sich durchsetzen „muessen“, haben Sie wahrscheinlich meinen Artikel anders gelesen, als meine Intention gewesen ist. Gerade dieses Durchsetzen eigener Ideen halte ich fuer ziemlich gefaehrlich und recht oft, so beobachte ich das hier, geht es nach hinten los. Frauenpower gut und richtig, aber ich bin mir nicht sicher, wohin sich eine Volkswirtschaft entwickeln wird, wenn sich die Geber weiterhin durchsetzen und (so wie der Trend den Eindruck macht) die Mehrheit der Fuehrungskraefte und gebildeten Schichten Frauen sein werden.

      In Entwicklungshilfe wird viel rumexperemtiert, ohne dass man genau weiss, wohin es hinfuehrt. Oftmals betrifft es ganze Volkswirtschaften, die von massiven Veraenderungsprozessen betroffen sind und oft stehen keine bzw. unzureichende Erfahrungen, und auch keine wissenschaftlichen Analysen dahinter, wie eine Volkswirtschaft auf die Veraenderung reagieren wird.

  2. Volker Seitz sagt:

    Sie haben ja recht mit dem „Durchsetzen“ muß man sehr vorsichtig sein. Ich glaube aber, dass mann/frau als Geber z.B. Menschenrechte durchsetzen muß. Haben Sie schon einmal jemanden in einem afrikanischen Gefängnis besucht? Tausende Menschen fristen ihr Dasein dort ohne Prozess. Auch das Recht auf Bildung für Frauen könnte man als Menschenrecht einstufen. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass afrikanische Politiker mich sehr viel ernster genommen haben, wenn ich mich deutlich über derartige Fragen auch öffentlich geäußert habe. Die Zustimmung aus der sogenannten Zivilgesellschaft hat mir Recht gegeben. Die Frauen haben nur wenig Lobby. Auch bei uns steht Frauenförderung in allen Hochglanzbroschüren der Entwicklungspolitik. Aber es geschieh zu wenig. Natürlich müsen wir durch eigene Glaubwürdigkeit und eigenes Vorbild überzeugen. Gerade weil unser Verständnis von Menschenrechten und der Frauenförderung in vielen Ländern anders gesehen wird.

    • bellusci sagt:

      Bei uns in Deutschland steht Frauenförderung in allen Hochglanzbroschüren, aber was in der Praxis geschieht, ist eine ganz andere Geschichte. Man muss sich doch nur mal umsehen und Statistiken lesen, wieviele Frauen tatsaechlich in Fuehrungspositionen sind und wieviele Frauen dasselbe Einkommen fuer gleiche Arbeit erhalten wie Maenner, usw.. Hier in Uganda sind es keine Hochglanzbroschueren, die fuer Frauenfoerderung stehen, aber ich beobachte, dass in der Praxis insbesondere Frauen von allen Gebernationen gefoerdert werden. Ich kann nicht sagen, dass da zu wenig geschieht, eher zu viel, und auf Kosten eines Gleichgewichts.

      Wo bleibt denn aber das eigene Vorbild in Deutschland, welches unsere eigene Glaubwürdigkeit bezeugen sollte? Warum ist es uns Deutschland bis heute nicht gelungen, Gleichberechtigung in allen Ebenen durchzusetzen?

      Die Gebernationen setzen hier in Afrika eine Idealvorstellung (Modell) um, fuer welche es in keiner der entwickelten Volkswirtschaften ein funktionierendes Vorbild gibt. Zweifellos stehen gute Intentionen dahinter, ich will Menschenrechte keinesfalls in Frage stellen, aber auch der Sozialismus war eine gute Intention, wenn ich mal an unsere eigene deutsche Geschichte erinnern darf.

  3. bellusci sagt:

    Hervorragender Artikel… Das Geheimnis starker Frauen (Stern Nr. 46, 5.11.2009)… Kann leider keinen Volltext im Internet finden, absolut lesenswert.
    „… Sie sind selbstbewusster, ihr Rollenverständnis ist unverkrampfter. 20 Jahre nach dem Mauerfall sind viele ostdeutsche Frauen da, wo die Schwestern im Westen hinwollen…“

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