Entwicklung vs. Ugander

Veröffentlicht: Januar 7, 2010 in Development / Entwicklung

Lira - main transport

8.11.2009: Habe gerade mal nachgeschaut, meine letzte Email datiert vom 26. September – das sind 1,5 Monate!!! Zeit rennt, immer schneller und schneller – von wegen in Afrika ticken die Uhren langsamer und “Zeit ist zeitlos” – das mag vielleicht fuer Ugander in den Doerfern zutreffen (frueher mal, bevor Entwicklungshilfe nach Uganda kam, bevor den Kriegen, als die Ugander noch Zeit hatten, beieinander zu sitzen, Geld keine Rolle spielte, Beduerfnisse auf sich und die Dorfgemeinschaft ausgerichtet waren, wenn man Hunger hatte, der naechste Avocadobaum die Nahrung darstellte und wenn man durstig war, die naechste Quelle… Jetzt ist hier Marktwirtschaft angesagt, knallharte Marktwirtschaft, knallstharte Marktwirtschaft – man soll Ueberholen ohne Aufzuholen… )

Beduerfnisse wurden geweckt, verstaendliche Beduerfnisse, wie nach Schulbildung und medizinischer Versorgung – und Kleidung – letzteres spielt in diesem Land, welches immer und ohne Ausnahme hochsommerliche Temparaturen hat, nun eine grosse Rolle.. Es gehoert sich nicht, nackt rumzulaufen und die Kleidung muss sauber gewaschen und gebuegelt sein, d.h. man braucht Seife oder Waschpulver, ein Buegeleisen, Kohle fuers Buegeleisen, mehr Wasser als man selbst trinken kann und zum Kochen braucht.. Schule kostet Geld, man ist also an diese Geisel der Menschheit angewiesen und kommt nicht mehr mit seinem benachbarten Avocadobaum durchs Leben… Ich habe von Ugandern gehoert, dass die Notwendigkeit einer Arbeit nachzugehen der Beraubung von Freiheit gleichkommt, dass man nur deswegen arbeiten geht, weil man Geld braucht, wenn man eine Familie hat und dass man es manchmal problematisch findet, seinen Freunden und Dorfgemeinschaft einzugestehen , dass man einem regulaeren Job nachgeht… Hier fallen Kulturen aufeinander!!! Gewaltig!

Ugandan woman with child

Eine weitere Uganda typische Sache ist, dass man ueber Geburt und Kinder von “producing” spricht, Kinderproduktion… Eine typische Frage an mich, als Frau, wie auch an ugandische Fragen: “Wieviele Kinder hast Du denn so produziert?” – die Frage ist nicht anzueglich, sondern versucht rauszukriegen, wieviel Anerkennung man als Frau zu geniesen hat; viele Kinder – grosse Anerkennung, keine Kinder – bedauernswert! Dass man von “Produktion” redet, liegt wahrscheinlich daran, dass frueher viele Kinder gestorben sind und daher die Frage, wieviele Kinder hast Du denn?, bedeutungslos ist und keine genaue Auskunft gibt. Es geht darum, wieviele Kinder man als Frau geboren hat, also “produziert”. Da geht es auch ums Erbe – stirbt der Mann, dann wird unter seinen Frauen nach Kinderproduktionszahl aufgeteilt, d.h. je mehr Kinder, desto hoeher der Erbanteil.. Die Frauen teilen sich 15% des Erbes, an die Kinder gehen die verbleibenden 85% – die Frauen verwalten das Eigentum der Kinder bis diese erwachsen sind und es uebernehmen koennen.

Je mehr man in die Kultur hier einsteigt, es macht Sinn, irren Sinn! Uganda hat seine eigene Kultur (gehabt) und wir sind ueber diese mit Vorschlaghammer, Walzen und anderen schweren Geraeten druebergefahren!
Flickschusterei, das ist, was wir hier machen… wir kurbeln an einem Schraeubchen hier und an einem anderen Schraeubchen da, ohne uns bewusst zu sein, welche Lawine wir damit manchmal ausloesen.

Wir beschweren uns, dass Organisationen nicht professionell laufen, dass Dinge nicht so gemacht werden, wie wir uns das vorstellen, dass Sachen liegen bleiben, nicht durchdacht sind… aber wer soll den diesen Wust an Entwicklung aufholen. Wer und wie? Brauchen Afrikaner ueberhaupt diese Entwicklung?
Wir, in Europa, haben eine 1000jaehrige Geschichte hinter uns, hier in Uganda ist kein Gesetz aelter als 25 Jahre. Unsere gesetzliche Legislatur ist vielleicht nicht immer gerecht und leicht verstaendlich (mein Vater kann da ein Lied davon singen), hier aber haben an den Gesetzestexten viele, viele Laender mitgearbeitet, und jedes Land hat seine eigene Kultur eingebracht und seine eigenen Wertvorstellungen.

Wer sich noch an die deutsche Wiedervereinigung erinnern kann, wie einem in Ostdeutschland die bundesdeutschen Gesetze uebergestuelpt wurden und wie wir viele Jahre damit gekaempft haben, diese zu verstehen, Normen, die nicht unsere waren – eigene Wertvorstellungen nicht mehr wiederfinden konnten, Probleme mit Identifikation; aber wir waren Deutsche! Nur 40 Jahre auseinanderentwickelt! Wir konnten aufgeholen, in nur wenigen Jahren… aber es bleibt eine schmerzliche Erinnerung fuer viele…

Lira - main road

Ich liebe den Ausdruck “Diversification of Income” – der gebildete Ugander hat, wenn er Glueck hat, einen relativ gut bezahlten Job bei einer internationalen Entwicklungsorganisation – als Administrator oder so. Je nach Groesse der Organisationen werden ueberdurchschnittliche Loehne bezahlt, so zwischen 300,000 UGX und 650,000 UGX (100 bis 220 EUR) – das ist hier ueberdurchschnittlich!!!! Der Landarbeiter, oder Securityguard oder Hausmaedchen verdienen zwischen 60,000 UGX und 150,000 UGX (20 bis 60 EUR) – aber diese Gruppe hat normalerweise auch keine grossen Ansprueche – wenig gebildet und froh, wenn man eine Bleibe und Essen hat… die gebildetere Gruppe hat Beduerfnisse entwickelt, wie Bildung, eigentlich ja nichts schlechtes, oder? – Bildung fuer ihre Kinder (und davon hat jede Familie in Uganda im Durchschnitt 7 – sieben!!!) – Grundschule ist kostenlos, danach geht es aber los!
Eine einigermassen gute Sekundaerschule kosten so um die 350,000 UGX per Term, also 1,050,000 UGX im Jahr (und das ganze mal 7 oder mehr) – und dann kommen noch die Unigebuehren – man muss kein Mathematiker sein, um auszurechnen, dass selbst die sogenannten “ueberdurchschnittlichen” Loehne vorn und hinten nicht ausreichen, denn man hat ja auch noch die Familie zu fuettern und alle Nebenkosten, wie Wasser und Strom, die es ja auch bei uns in Europa so gibt.

Wie loesen das Ugander? Mit “Diversification of Income”

Was heisst das?
Man hat den einen festen Job und dann noch, 1,2,3 kleine eigene Businessbetriebe nebenher. Wo verbringt man mehr Zeit? Man kann sich ja nicht aufteilen, oder?

Die lokale Organisation, fuer welche ich arbeite, hat 13 festangestellte Mitarbeiter, von denen haben mindestens 9 eigene kleine Wirtschaftsbetriebe… Wir haben sowieso schon mehr Arbeit zu bewaeltigen, als 13 Angestellte menschlicherweise erledigen koennten, aber wenn 9 davon stehen uns vielleicht nur einen Teil ihrer Zeit zur Verfuegung…

Es wird den Partnerorganisationen oft von den Entwicklungsorganisationen vorgeworfen – “die wollen nicht” oder “die sind nicht ernsthaft dabei” oder “sie kommen nur fuer Allowances” – aber geht es denn anders?
Wenn ich meine Familie nicht ernaehren kann, wenn ich die einzige Person mit Bildung bin im Clan, wenn der Clan gespart und zusammengelegt hat, um mich zur Uni zu schicken – dann habe ich nicht nur meine eigenen 7 Kinder zu ernaehren, sondern auch noch viele weitere hungrige Maeuler… und man kann sich nicht zerfetzen…

Die meisten Ugander, mit denen ich zusammenarbeite sind alles andere als faul.. Unsere regionale Administratorin in Arua, wo ich jetzt gerade bin, hat ohne zu Maulen, sich am Montag auf eine 13stuendige Fahrt, mit 4 verschiedenen oeffentlichen Verkehrsmitteln und zahlreichen Pannen, aufgemacht, um mich in Adjumani zu treffen; von dort haben wir Mittwoch bis Freitag non-stop durchgemacht (sie hat sogar alleine weitergemacht, wenn meine Energie ausgeschoepft war und ich nicht mehr weiter wollte/ konnte) und Samstag und heute(Sonntag) gab es keine Diskussionen, weiterzumachen – nach einer 7 Stunden Autofahrt von Adjumani nach Arua… und morgen frueh um 8 Uhr geht es weiter…

Es gibt von diesen gebildeten Ugander nicht genug – und Entwicklungsorganisationen druecken fuer Ergebnisse!!!

Also, von wegen, die Uhren ticken in Uganda langsamer… auf jeden Fall nicht fuer diejenigen, die was aendern wollen… Ganz liebe Gruesse aus dem immer heissen und sonnigen Uganda (heute waren es uebrigens so um die 30 Grad, und 20:30 Uhr sind es immer noch um die 27)..

Originaler Text – Email an Freunde am 8.11.2009

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